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Danke(s)kirche

Den Weddingplatz als Platz zu erkennen, fällt schwer. Viel zu sehr dominiert das Schering-Hauptgebäude die Optik der Kreuzung, an der sich B96 und Müllerstraße begegnen. Direkt hinter dem Weddingplatz verläuft die zum Kundenparkplatz degradierte Reinickendorferstraße. Dazwischen liegt er, der, zumindest den Taxifahrern Berlins bekannte, Weddingplatz.

Versteckt hinter den Bäumen befindet sich mitten auf diesem die Dankeskirche. Um genauer zu sein: ihr Ersatz. Viele wissen nicht, wie der Vorgänger des heutigen 70er Jahre Funktionalbaus aussah. Aber alle, die Bilder aus früheren Tagen gesehen haben, ahnen, welchen Glanz der Platz ausgestrahlt haben muss.

Die nach dem missglückten Attentat auf Kaiser Wilhelm I. erbaute Dankeskirche war von 1884 an der Blickfang. Der von August Orth errichte Bau wurde 1944 so stark beschädigt, dass die Ruinen 5 Jahre später abgetragen wurden. Ein Kirchenneubau an gleicher Stelle wurde zunächst nicht genehmigt und die Gemeinde nutzte bis 1972 die an der Grenzstraße errichtete Kapelle als Notkirche. Denn 1972 wurde nach den Plänen von Fritz Bornemann eine neue Dankeskirche gebaut.

Heute ist die Dankeskirche keine richtige Kirche mehr. Die Gemeinde hat das Gebäude an die Jugendkirche übergeben, die den Ort für Konzerte, Lesungen oder Diskussionen nutzt. Das erklärt auch, warum die Glocken der Kirche so selten zu hören sind: Es finden keine Gottesdienste im eigentlichen Sinne mehr statt. So wird die Kirche sicher noch häufiger übersehen werden, wenn sie Bäume und Schering-Gebäude nicht einmal akkustisch übertrumpfen kann.

Am Sonntag nun hatte die Kirche ihre Glastür geöffnet, weil die Gemeinde St. Michael ihr 125. Bestehen feierlich begehen wollte. Zufällig hatten wir den hübschen Flyer im Schaukasten neben dem Dönerladen unseres Vertrauens entdeckt. Für uns war dies ein willkommener Anlass, um endlich mal hinein zu schauen und hinter die Bäume zu gucken. Beim Betreten der Kirche zogen wir sofort die Blicke aller Anwesenden auf uns. Dies muss nicht verwundern. Denn angesichts der vorhandenen Teilnehmerzahl kannten sich alle außer uns. So dauerte es auch nicht lange, bis wir angesprochen und bei Kaffee und Kuchen in ein Gespräch vertieft wurden. So erfuhren wir, dass die Gemeinde noch mehr Mitgliederprobleme hat, als ein SPD-Ortsverein auf Usedom. Allerdings hatten wir nicht viel Zeit, wir mussten schnell weiter, weil uns eine weltliche Entscheidungen an diesem Sonntag noch interessierte: Wir fuhren weiter zum bayerischen Wahlabend im Willy-Brandt-Haus, um den freien Staat zu feiern.

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Vorher _ Nachher