Wie hält man eine junge Beziehung frisch?

 Über das Verhältnis von jungen Frauen zur SPD

von Christina Schildmann und Katrin Molkentin

Im Wahlkampf 2009 will die CDU voll auf Senioren setzen, so steht es in den Strategiepapieren der Christdemokraten. Damit verraten wir kein Geheimnis, denn jedem ist klar, wie entscheidend die Älteren unser Land prägen werden – allein schon aufgrund ihres immer größer werdenden Anteils an der Bevölkerung. Aber dies sollte uns nicht den Blick verstellen auf eine Gruppe mit wirklich sozialdemokratischem Potenzial: die jungen Frauen. Um sie soll es in diesem Artikel gehen.

Ein Blick in die Empirie zeigt, dass junge Frauen nicht nur sozialdemokratisch wählen, sondern immer häufiger sozialdemokratisch denken. So unterschiedlich die Landtagswahlen 2008 in Hessen, Hamburg und Niedersachsen, aber auch 2007 in Rheinland-Pfalz sowie 2006 in Berlin und Sachsen-Anhalt auch waren, so haben sie eines gemeinsam: Die SPD verzeichnete Zuwächse, und diese waren jung und weiblich.

Besonders eindeutig ist der Befund in Hessen: Die Hälfte der 18- bis 29-jährigen Frauen wählten SPD: ein Zuwachs in dieser Gruppe von 23 Prozent. Auch die Frauen von 30 bis 44 wählten verstärkt sozialdemokratisch: zu immerhin 43 Prozent – ein Plus von18 Prozent. Der CDU hingegen zeigten die jungen Frauen die kalte Schulter: Nur 24 Prozent der 18- bis 29-Jährigen machten das Kreuz bei den Christdemokraten, ein ganzes Viertel weniger als 2003. Trotz einiger weiblicher Anmutungen im Erscheinungsbild: Die FDP bleibt eine Männerpartei, die CDU wird zur Partei der alten Männer, die Linkspartei ist die Partei der zornigen alten Männer. Die jungen Frauen gewinnt man offensichtlich nicht durch weibliche Fassade. Aber was genau ist es, das sie zur Sozialdemokratie treibt?

Frauen denken sozialdemokratisch

Aufstieg und Gerechtigkeit – unter diesem Motto hat die SPD ihren zweiten Zukunftskonvent veranstaltet. Diese Kombination ist nicht nur originär sozialdemokratisch, sie umschreibt auch höchst treffend das Lebensgefühl junger Frauen. Dies illustriert die BRIGITTE-Studie 2008. Diese, von Jutta Allmendinger – der Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung – betreute Studie untersucht die Einstellungsmuster von 17- bis 29-jährigen Frauen und trägt den bezeichnenden Titel „Frauen auf dem Sprung“. Die Studie zeigt: Junge Frauen, egal ob aus Nord oder Süd, Ost oder West, unabhängig auch vom Bildungsniveau, sind selbstbewusste Optimistinnen. Für ihre Zukunft sehen sie alles, nur nicht schwarz. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind PISA-Verlierer männlich und Bildungsgewinner weiblich. Zwischen 1990 und 2006 stieg der Frauenanteil unter den Abiturienten von 46 auf 55 Prozent. Für die jungen Frauen gibt es nur eine mögliche Richtung: aufwärts, wenngleich in kleinen, realistischen Schritten.

Zu dieser maßvollen Aufstiegsorientierung gesellt sich das Bedürfnis nach Gemeinschaft und sozialer Gerechtigkeit. Junge Frauen wollen aufsteigen, aber nicht auf dem Egotrip. Sie lehnen nicht den Wettbewerb ab, aber sie sperren sich gegen die Vorstellung, dass der Wettbewerb zum dominierenden Prinzip wird. Sie wollen in der Gemeinschaft vorankommen und dabei auch Verantwortung für andere übernehmen.

Diese Mischung aus Bildungshunger, Aufstiegsentschlossenheit und Gemeinwohlorientierung macht die junge Frauengeneration zu einer ähnlich interessanten Zielgruppe wie die bildungshungrigen Männer der 70er Jahre. Wie damals junge Männer zweite (Aus-)Wege suchten, sind heute die jungen Frauen die aufsteigende Gruppe in der Gesellschaft, die viel leistet und entschlossen ist, ungerechte Spielregeln zu ändern, statt sich ihnen zu unterwerfen. Gerechtigkeit ist eine wichtige Kategorie für die jungen Frauen. Sie empfinden die Verteilung von Gütern und Einfluss in Deutschland als besonders ungehörig, die sozialen Unterschiede als besonders kapital, die Gesellschaftsordnung als besonders starr. Kurzum: Die Gesellschaft ist in ihren Augen ausgesprochen verbesserungsbedürftig – verbesserungsbedürftig in sozialdemokratischem Sinne.

Junge Frauen sind politische Pioniere

Frauen galten lange als tendenziell konservativ. Dieser Befund trifft heute nicht mehr zu, im Gegenteil: Die jungen Frauen sind politische Pioniere, ihre Einstellungen weisen in die Zukunft.

Junge Frauen bilden die Meinung von morgen. Die BRIGITTE-Studie enthält zahlreiche Hinweise darauf, dass mit den heute 18- bis 29-jährigen Frauen ein völlig neuer Frauentyp die Schulen und Universitäten verlässt, der sich auf dem Arbeitsmarkt, in der Gesellschaft und in der Familie selbstbewusster und fordernder Gehör verschaffen wird, der die öffentliche Meinung stärker prägen wird, als alle Frauengenerationen zuvor.

Junge Frauen bilden nicht nur die Meinung von morgen, sie setzen heute schon auf die Themen der Zukunft. Indizien für politische Präferenzen von jungen Frauen haben wir aus den Landtagwahlen in Hessen und Hamburg. Die Wahl entscheidenden Themen dort waren Bildung und Chancengleichheit, aber auch Umweltpolitik. In Hessen haben wir gesehen, wie das klassische Männerthema Wirtschaftspolitik zum Frauenthema werden kann: Wenn es mit einem anderen Politikfeld verknüpft wird: der Umweltpolitik bzw. der Ressourcenpolitik. Andrea Ypsilanti hat der oft nüchternen Wirtschaftspolitik einen Werteaspekt hinzugefügt, der Frauen überzeugt: die Perspektive der Nachhaltigkeit. Grundlegend ist hier die Idee, Wohlstand und Energie nicht auf Kosten der Umwelt und des Weltfriedens zu gewinnen. Die Vorstellung von Windparks und Solarfeldern sagt Frauen mehr zu als geostrategische Planspiele um Rohstoffe auf der Landkarte und die Aussicht auf Kriege um Gas und Öl. Diese Einstellung ist weder naiv noch romantisch. Sie ist progressiv und höchst rational. Ökologische Industriepolitik, nachhaltige Wirtschaftspolitik – das sind sozialdemokratische Zukunftsthemen. Wer sie als Partei besetzt, gewinnt die jungen Frauen.

Ab jetzt: Karriere mit Kind

Kind oder Karriere – das ist die Gretchenfrage der jungen Frauen von gestern und noch immer aktuell. Die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurde permanent gestellt, aber nie gelöst. Es gab eine Zeit, da wurden die Frauen mit dieser Frage gänzlich alleine gelassen. Das Ergebnis war eine Generation schlecht bezahlter „Teilzeit-Arbeiterinnen“ ohne realistische Karrierechancen und kinderloser „Karrierefrauen“. Zu dieser Misere kam das schlechte Gewissen. Denn die Gesellschaft diskriminierte beide Varianten: die einen als Rabenmütter, die anderen als Egoistinnen. Die unbeantwortete Vereinbarkeitsfrage blockierte und lähmte eine ganze Frauengeneration. Sie blieb hinter ihren Möglichkeiten – sowohl bei der Karriere als auch bei den Kindern. In Deutschland ist beides zu niedrig: die Erwerbsquote von Frauen (66 %) und die Geburtenquote (1,4 Kinder pro Frau).

Heute wird die Vereinbarkeitsfrage zumindest als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen und nicht mehr länger als Privatproblem jeder einzelnen Frau. Doch bis zu einer wirklichen Aufgabenteilung und einer realistischen Vereinbarkeitsperspektive stehen noch viele Stürme bevor. Denn bisher ist zwar das Problem benannt, aber regional noch sehr unterschiedlich gebannt. Klar ist, dass die junge Frauengeneration beides will: einen Beruf (94 Prozent) und Kinder (fast 90 Prozent). Klar ist auch, dass die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft davon abhängt, dass sie beides ermöglicht. Die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf verlagert sich damit endgültig vom Privaten ins Politische. Die SPD hat durch Krippenausbau, Gesamtschulausbau und Elterngeld bereits einen Kompetenzvorsprung. Aber diesen gilt es auszubauen. Das Ziel muss sein, Frauen endlich wirkliche Chancengleichheit zu ermöglichen.

99 % der jungen Frauen sagen von sich: „Ich weiß, dass ich gut bin.“ Doch sobald das erste Kind da ist, haben sie auf dem Arbeitsmarkt einen Wettbewerbsnachteil, weil das schwierigste Hindernis im Vereinbarkeitsderby die deutsche Arbeitskultur ist. Die neue, gut ausbildete Frauengeneration wird auf dem Arbeitsmarkt immer dringender gebraucht – und diese Machtstellung kann und muss sie nutzen, um die Arbeitswelt nach ihren Bedürfnissen umzugestalten. Das bedeutet: Schluss mit Testosteron getränkten 14-Stunden-Tagen, Schluss mit Meetings, die grundsätzlich nach Kindergartenschluss stattfinden, Schluss mit der ungleichen Bezahlung, Schluss mit der Bevorzugung von Männern bei Beförderungen. Und Schluss mit der Angewohnheit von Arbeitgebern, artikulierter Kompetenz den Vorzug zu geben vor angewendeter Kompetenz.

Kommunikation auf der Höhe der Debatte

Junge Frauen haben, wie oben gezeigt, ein sozialdemokratisches Gesellschaftsbild. Das bedeutet für die politische Kommunikation: Die Partei muss klare, eindeutig sozialdemokratische Botschaften senden. Wichtig ist aber auch, das Lebensgefühl der jungen Frauen zu treffen. Wer repräsentiert dieses Lebensgefühl? Alice Schwarzer ist es immer noch, die jedem zuerst einfällt, und ihre Verdienste für die Gleichberechtigung sind unbestritten. Doch auch wenn EMMA – also Schwarzer – „bis heute die feministisch korrekte Linie zu allen Fragen der Zeit vorzugeben versucht“, so stellt sie doch offensichtlich nicht die richtigen Fragen zur richtigen Zeit. Es ist ehrenwert, sich mit der Situation der Frau in anderen Ländern auseinanderzusetzen, aber wenn die feministische Debatte reduziert wird auf Pornographie, Beschneidung, Diätwahn und die Frau als Opfer in der Gesellschaftsordnung, dann erfüllt EMMA eben nicht die Rolle, die auf ihrer Startseite beansprucht wird: „EMMAs Rolle bleibt, das Mögliche von Morgen heute zu denken.“ Alice Schwarzer erinnert in ihrer Haltung ein wenig an Gerhard Schröder in der Elefantenrunde am Wahlabend.

Viele junge Frauen haben Alice Schwarzer das Vertretungsmandat längst entzogen. Sie möchten lieber selbst gehört werden und suchen die Öffentlichkeit, wie Katja Kullmann, Iris Radisch, Thea Dorn, Meredtih Haaf und Jana Hensel. Das Verdienst dieser „Alpha-Mädchen“ ist, dass sie dem Feminismus wieder eine Stimme geben – und zwar eine selbstbewusste, optimistische und fröhliche. Das ist ein Fortschritt, denn der Macht der ersten Feministinnen folgte bald die Ohnmacht der Sprachlosigkeit. Frauen wollten lange Zeit von Emanzipation und Feminismus nichts mehr wissen. Wer das Wort „Feminismus“ aussprach, war selbst in den Augen vieler Frauen ein verkrampftes, einsames Wesen. Mit Hilfe der Alpha-Mädchen konnten die jungen Frauen die sprachlose Ohnmacht überwinden. Sie trauen sich wieder, Ungerechtigkeiten zu artikulieren. Allerdings ist der Feminismus der „Alpha-Mädchen“ – diese Einschränkung muss erlaubt sein – an manchen Stellen naiv. Naiv darum, weil die Autorinnen den Eindruck vermitteln, Emanzipation im 21. Jahrhundert funktioniere ohne Konflikt, also letztendlich unpolitisch und damit wieder im privaten Raum. Im Feminismus geht es immer auch um die Benennung der Machtfrage. Das belegt auch die lebhafte Diskussion auf dem Hamburger Parteitag um einen Satz, der nun im SPD-Grundsatzprogramm steht: „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

Junge Frauen in der SPD: viel Haltung, wenig Halt

Junge Frauen empfinden die SPD als die Kraft, die ihre Anliegen thematisiert. Die SPD gilt nicht als Kanzlerwahlverein, sondern als Ort der Debatte. Dieses Ideal gilt es tatsächlich zu verkörpern, damit zukünftig mehr junge Frauen nicht nur eine Affinität zur SPD aufweisen, sondern auch eine Mitgliedschaft. Zurzeit befindet sich die SPD in einer paradoxen Lage: Die sozialdemokratische Haltung motiviert junge Frauen dazu, ihr Kreuz bei der SPD zu machen, aber Halt finden sie in den Strukturen der SPD (noch) nicht. Was sie stattdessen vorfinden, sind die gleichen Mechanismen und Spielregeln wie am Arbeitsplatz. Das ist ein Grund, warum viele Frauen der traditionellen Politik nach einer kurzen Episode wieder den Rücken zukehren und sich neuen Formen der politischen Partizipation zuwenden. Diese Parteiflucht entspricht nicht nur dem Zeitgeist, sie hat eine speziell weibliche Dimension.

Die SPD muss für die jungen Frauen Räume schaffen, die sie betreten, benutzen und gestalten wollen – sowohl virtuelle als auch reale. Immer wieder ist zu beobachten, dass in einem Ortsverein zwei Welten aufeinander treffen: Die männliche Mehrheit will über den Weltfrieden diskutieren, die weiblich Minderheit über konkrete Dinge definitive Verabredungen treffen. Es gibt einen Satz, der lustig klingt, aber einen typisch weiblichen Ausstiegsgrund beschreibt: „In dieser Sitzung wurde alles gesagt, aber noch nicht von jedem Mann.“ Frauen betrachten Gremiensitzungen oft als redundant, ineffizient und voller Selbstbeweihräucherungen. Sie bevorzugen Sitzungen, in denen nicht jeder Teilnehmer die Welt rettet, sondern ein gemeinsamer, umsetzbarer Beschluss gefasst oder eine Aktion geplant wird. Und sie bevorzugen Strukturen der Entscheidungsfindung, in denen die Entscheidung tatsächlich noch zu finden ist – unter Einbeziehung ihrer Erkenntnisse.

Keine Frauenpartei ohne Frauen

Frauen fühlen sich von der SPD angezogen, aber die SPD ist noch keine Frauenpartei – wie übrigens auch ein Blick auf das Organigramm der Parteizentrale zeigt. Und das ist der kritische Punkt in der noch jungen Beziehung zwischen der Sozialdemokratie und den jungen Frauen: Ihre Entscheidung für die SPD ist ein Vertrauensvorschuss, den sich die Partei noch verdienen muss.

Und weil zurzeit kein politischer Artikel ohne einen Verweis auf den amerikanischen Präsidentschaftsbewerber auskommt, bedanken wir uns abschließend bei Barack Obama: für seine Debattenkultur, die so inspirierend und einladend daherkommt. Besonders die jungen Frauen in den USA ließen sich von Obamas Reden, seinem Kommunikationsstil und seinen Zukunftsthemen überzeugen. Im Vorwahlkampf der Demokraten erschien er den Frauen zwischen 18 und 30 als der wahre Feminist, Hillary Clinton hingegen als Technokratin der Macht. Für die jungen Frauen war sie unglaubwürdig, weil sie erst auf die Feminismuskarte setzte, als sie Angst bekam, zu verlieren. Der Sie Obamas ist keine Niederlage des Feminismus in den USA, sondern ein Zeichen, dass der Feminismus sich verändert hat: Junge Frauen wählen nicht automatisch Frauen, sondern den, der ihre Interessen am besten vertritt. Für den Wahlkampf 2009 in Deutschland bedeutet das: Entscheidend ist der Inhalt, nicht das Geschlecht.

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